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Die Chemie der Erinnerung

In den Jahren 1941 bis 1945 wurden vom Inneren Nordbahnhof in Stuttgart mehr als 2.500 Juden in Waggons verfrachtet und in Konzentrationslager wie Auschwitz und Buchenwald deportiert. Nur wenige der Opfer von national- sozialistischer Gewaltherrschaft überlebten die Deportation oder die Haft in den Lagern. Als Zeugnis bleibt totes Gleis. Erinnerungen an die Opfer verblassen. Der Fotograf Lutz Schelhorn ist als Künstler ein Erinnerer. Anderthalb Jahre lang fotografiert er die Gleisanlagen am Inneren Nordbahnhof. Über 1000 Fotos sind so entstanden und zeigen gähnende Stille und eine Öde, die erst durch das Wissen um das Schicksal der Deportierten zu Gedankenassoziationen reizt. Am Nordbahnhof sind keine Menschen begraben. Doch ihre Schuhe, ihr Schweiß, ihre Tränen sind noch in vielen Partikeln der Erde zu finden. Und sicherlich trägt dort die Erde ganz bestimmte Abdrücke der Todesangst, die wir vielleicht mit unseren Augen nie sehen und begreifen können. Man könnte nach diesen Spuren graben. Wahrscheinlich erfolglos. Und warum sollte man sich da nicht ein Experiment gestatten, und empfindliches Filmmaterial an der einstigen logistisch ausgefeilten Transportstation vergraben, um zu sehen, was diese Nordbahnhoferde in/auf Zelluloid zu schreiben vermag? Die Deportierten sind heute nichts denn namenlose Zahlen in einer blassen Statistik. Nummern wurden wie Vieh in den Tod getrieben. Und nun erhalten diese verlorenen Nummern ein Bild. Die Erde soll den Versuch unterstützen: Geschichte(n) auf Bilder schreiben, die vorher lediglich Gleise, Erinnerungslosigkeit und Tristesse zeigten.

Schelhorns Digitalfotografien wurden farblich den ersten Farbfotografien aus der Nazizeit angeglichen und auf Diamaterial belichtet. Zusammen mit dem Künstler Stefan Mellmann wurden 30 Motive ausgewählt, die dann wahllos in der Erde vergraben wurden, um dort 3 Wochen zu verbleiben. Die Dias wurden nach dieser Zeit wieder „exhumiert“, abfotografiert und als digitale Daten abgespeichert. Gleich der derben Metamorphose Mensch zu Asche fand hier eine künstlerische Verwandlung statt, die Wasser, Erde und Zeit auf Diafilm schreiben lässt. Nun hat die Erde 30 Gedankenanstöße freigegeben. Totes Gelände ruht im Hintergrund der Bilder. Auf den Vordergrund hat sich Neues eingefressen. Neue Gedanken wurden Bild. Die Zeugnisse der Erde sind Farbe und die vergangenen 60 Jahre sind nicht mehr spurlos geblieben. Sie haben sich manifestiert. Und da der Fotograf Schelhorn und der Künstler Stefan Mellmann nie Zeitzeugen waren, sind sie es jetzt. Sie haben die Erde in einer fremden Bildsprache sprechen lassen, die jetzt noch mehr Assoziationen im Betrachter wecken kann, als die fast aussagefreien Vorgängerbilder es vermochten. Die Patina auf Zelluloid ist gefärbtes Mahnmal. Jedes Bild kann 2500 Erinnerungen tragen.

Die Chemie hat erinnern gemacht; sie weckt die Phantasie. Ein simpler chemischer Prozess hat Bilder zerstört, erweitert, verschönert. Die Einflüsse fressen sich ins Bild oder sie lagern sich darauf ab. Die Chemie der Erinnerung, die nichts ist, denn Verbund der 4 Elemente, bohrt sich in die Augen. Sie ist Kunstwerk und eine Geschichtsverarbeitung, die alle Blässe im schreienden Bunt verliert.

Ralf Preusker
Die Ausstellung ist noch bis mindestens Ende 2010 zu sehen.


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