Ein Hells Angel unter Brüdern

Von Lutz Schelhorn lese ich das erste Mal in der Zeitung. Er ist Präsident der Stuttgarter Hells Angels und Fotograf. Seine Fotoprojekte beschäftigen sich unter anderem mit Behinderten oder Drogensüchtigen und wurden vielfach ausgezeichnet. Mein Bild eines Hells Angel war bisher das eines bulligen, finsteren Typen mit einer eklatanten Neigung zu Gewalt und Kriminalität. Lutz entsprach diesem Bild in keiner Weise. Diesen Unterschied fassbar zu machen, war die Grundidee dieses Dokumentarfilms.

Das Filmprojekt polarisierte von Anfang an: Die Reaktionen bewegten sich zwischen grosser Faszination einerseits an einem Einblick in diese sagenumwobene Welt und grundsätzlichen Bedenken andererseits, "diesen Kriminellen" durch den Film eine Plattform zu bieten.

Entsprechend waren die Dreharbeiten zu "Unter Brüdern" (AT) eine grosse Herausforderung. Die Reaktionen auf unser Filmvorhaben waren zum Teil extrem ablehnend und emotional. Bei genauem Nachfragen gründete diese Ablehnung vor allem auf dem negativen Bild in den Medien.

Auch als wir für Fahraufnahmen mit den Hells Angels nach einer geeigneten Strecke suchten, erlebten wir ähnliche Reaktionen. Sobald wir erwähnten, mit wem wir drehen wollten, erhielten wir durchweg Absagen, auch zu bereits zugesagten Motiven. So mussten wir mehrmals den Dreh verschieben und realisierten die Fahraufnahmen letztendlich auf den Stuttgarter Strassen.

Trotz vieler Schwierigkeiten während der Produktion des Films war es der Produktionsfirma Indi Film GmbH und mir wichtig, diesen Film zu realisieren, um ein anderes, differenzierteres Bild des legendären Motorradclubs zu ermöglichen.

Während der Dreharbeiten musste ich als dokumentarischer Filmemacher meine eigenen Vorurteile gegenüber den Hells Angels ständig überdenken: Je mehr Einblicke mir Lutz Schelhorn in das Leben seiner Brüder ermöglichte, desto mehr zeigte sich, wie verschieden diese Männer sogar untereinander sind. Noch immer kann ich vieles aus der Lebenswelt der legendären Rocker nicht oder nur schwer nachvollziehen, vieles habe ich durch die gemeinsame Zeit aber auch besser verstanden.

Marcel Wehn

(Regisseur des Dokumentarfilms "Ein Hells Angel unter Brüdern")

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